Bienensterben – Wahrheit oder Mythos?

Seit einigen Jahren scheint eine mögliche ökologische Katastrophe immer stärker in den Fokus der Menschen zu rücken, die Rede ist vom Bienensterben. Den meisten Verbrauchern ist davon jedoch nur wenig bekannt, denn noch sind die Honigregale im Supermarkt voll. Viele Fachleute beklagen hier ein kaum vorhandenes Verbraucherbewusstsein. Für viele Imker ist das Thema Bienensterben jedoch längst zur schrecklichen Realität geworden. Jedes Jahr blicken die Imker vermehrt nervös in ihre Bienenstöcke, es geht nur um die eine Frage: Wie viele Bienen haben die Saison überlebt?

Warum sterben Bienen angeblich überdurchschnittlich stärker als in früheren Zeiten und in welchem Umfang ist der Mensch davon betroffen? Wer ist für das Bienensterben verantwortlich? Gibt es Lösungen? In diesem Artikel untersuchen wir das Thema und behandeln diese und weitere Fragen dazu. Wir haben darüber hinaus auch einige aktuelle Expertenmeinungen aus den entsprechenden Fachkreisen eingeholt.

Wirtschaftsfaktor Honig und Biene

Als Wirtschaftsfaktor ist die Honigbiene sehr bedeutend. Die Bestäubungsleistung von Wildbienen bringt eine Wertschöpfung von im Schnitt US$3251 (umgerechnet 2900 Euro) pro Hektar, während Honigbienenvölker US$2913 (2600 Euro) pro Hektar an Wert schöpfen.1 Weltweit liegt die Wertschöpfung durch die Honigbiene somit bei ungefähr 260 Milliarden Euro. Dieser Beitrag zur Agrarproduktion ist erheblich. Die Honigbiene bestäubt rund 80 Prozent unserer Nutz- und Wildpflanzen. Von 100 Pflanzenarten die über 90 Prozent der Nahrung der Menschen sicherstellen, werden Beobachtungen zufolge 71 von Bienen bestäubt.2

Die ökologische Bedeutung der Bienen ist neben der ökonomischen Betrachtung ebenfalls enorm wichtig. Es ist unbestritten so, dass Bienen eine gewisse Systemrelevanz bei der Erhaltung unserer Wild- und Kulturpflanzen besitzen. Gegenwärtig gibt es in Deutschland ungefähr 100.000 Imker und Imkerinnen die gemeinsam ungefähr 800.000 Bienenvölker halten. Pro Jahr produzieren diese Bienen ca. 25.000 Tonnen Honig, dies entspricht ungefähr 20% des Bedarfs in Deutschland. Bienen müssen für 1 Kilo Honig ungefähr 3 Kilo Nektar organisieren. Dafür fliegen sie 100.000-mal aus und besuchen 14 Millionen Blüten. Die Flugstrecke aller Bienen entspricht dabei einer Reise rund sechsmal um die Erde.3



Ursachen des Bienensterbens

Für das Bienensterben werden zahlreiche verschiedene mögliche Ursachen diskutiert. Schuldzuweisungen in sämtliche Richtungen sowie viel Spekulation sind an der Tagesordnung, doch gibt es auch haltbare und unabhängige wissenschaftliche Erkenntnisse dazu?

Besonders oft werden Unternehmen aus dem Bereich der grünen Gentechnik bzw. der Agrogentechnik, mittelbar oder unmittelbar für das Bienensterben verantwortlich gemacht. Vor dem Hintergrund einer objektiven Berichterstattung, haben wir zwei große Vertreter aus diesem Sektor um eine Stellungnahme gebeten. Leider haben wir weder von der Bayer Crop Science Deutschland GmbH noch von der Monsanto Agrar Deutschland GmbH eine Antwort bekommen. Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat auf unsere Anfrage nicht reagiert. Die LANGNESE HONIG GmbH & Co. KG wurde von uns aufgrund der objektiv großen Verbrauchernähe und Medienpräsenz ebenfalls zu diesem Thema befragt, leider teilte man unserer Redaktion mit, dass LANGNESE zu diesem Thema keine Stellungnahme abgeben kann. Das ist insgesamt sehr schade. Glücklicherweise waren andere Stellen hilfreicher und stärker motiviert dieses bedeutende Thema zu behandeln.

Es gibt aktuell viele Meinungen zu diesem Thema. Wir haben gefragt, die Experten haben geantwortet. Lesen Sie nachfolgend nun die Stellungnahmen unserer Gesprächspartner:

Bedrohung der Bienen durch die Varroamilbe

Die Hauptursache des Bienensterbens in Deutschland soll der Befall mit Varroamilben sein!?

Herr Dr. Otto Boecking:

„Ja, die Hauptursache liegt bei der Varroose, so nennt man die Erkrankung der Honigbienen, die eine fatale Kombination der parasitisch auf den Bienen und deren Brut lebenden Varroa-Milbe und der mit ihr assoziierten Viren umfasst – das belegen unsere Langzeitstudien eindrucksvoll. Die Honigbienen können sich gegen diese Parasiten und Viren nicht erwehren und sterben ohne Hilfe des Imkers wenige Jahre nach Erstinfektion. Das zeigt die zentrale Rolle und Verantwortung, die ein Imker als Tierhalter übernimmt.“

Frau Dr. Melanie von Orlow:

„Die Varroa-Milbe ist ganz klar ein sehr starker Faktor; als „Hauptursache“ kann sie jedoch nach derzeitigem Kenntnisstand noch nicht betitelt werden. Als sehr schneller „Killer“ ist sie womöglich eher ein Symptom oder eine Korrelation und nur ein Teil der Kausalität – Tatsache ist, dass vermehrt Bienenviren die Milbe als Shuttle benutzen und immer geringere Milbenlasten toleriert werden. Aber ob dies nicht womöglich durch andere Faktoren wie z.B. sublethale Wirkungen von Pestiziden befeuert oder bedingt wird, ist nach unserer Auffassung noch nicht geklärt.“

Herr Dipl.-Ing. agr. Michael Weiler:

„Die kritischen Situationen mit hohen Bienenvölkerverlusten sind multifaktoriell. Dabei erscheint die Varroa-Milbe als der Faktor, der am einfachsten dingfest zu machen scheint, weshalb sich viel Aufmerksamkeit darauf fokussiert – die anderen Faktoren, wie Pestizide, elektromagnetische Einflüsse, z.B. durch Mobilfunk etc., Verarmung der Landschaft, imkerliche Maßnahmen wirken eher subtil als Stressfaktoren und sind dagegen nicht so einfach zu bewerten.“

Frau Petra Friedrich:

„Hauptursache in Deutschland für Bienenverluste ist seit Jahren die Varroamilbe. Seit dem Winter 2003/2004 gibt es in Deutschland das sog. Bienenmontoring (Debimo). Finanziert wird dies zum einen durch das Bundeslandwirtschaftsministerium, zum anderen durch die Bundesländer, in denen die mitarbeitenden Bieneninstitute ihren Sitz haben. Involviert sind über 100 Imkereibetriebe, die Ihre Daten zur Auswertung an die Institute weitergeben. Mehr dazu unter http://www.staff.uni-marburg.de/~ag-biene/debimo.html.“

Krankheitserreger, Mangelernährung, Gentechnik, Pestizide, Insektizide und immunologische Ursachen

Es gibt auch Hypothesen wonach Faktoren wie Erkrankungen, Mangelernährung, Gentechnologie, falsches Bienen-Management und Insektizide für das Bienensterben verantwortlich sein sollen!?

Bienen fliegen aus Bienensterben
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Herr Dr. Otto Boecking:

„Wie bereits angeführt, übernimmt der Tierhalter/Imker eine zentrale Verantwortung für das Wohlergehen seiner Bienen, was man als Bienen-Management oder als imkerliche Betriebsweise bezeichnen kann. Natürlich ist die Frage der Versorgung der Bienen mit Nektar und Pollen essentiell. Hier in Deutschland können wir uns aber glücklich schätzen, dass die Honigbienen fast überall gut versorgt sind. Ein Mehr an Blütenangeboten kann aber niemals schaden. Anders sieht das für eine Vielzahl der heimischen Wildbienenarten aus, die aufgrund ihrer Spezialisierungen in unserer von intensiver Landwirtschaft geprägten Natur eben nicht mehr die notwendigen Ressourcen finden.“

Frau Dr. Melanie von Orlow:

„Eine Verarmung des Pollenspektrums ist ein möglicher Beitrag doch angesichts des breitbandigen Schwindens der Insektenartenvielfalt muss die „moderne Landwirtschaft“ und Landnutzung als Hauptursache klar adressiert werden. Solange wir mit immer perfekteren Maschinen dabei sind, Deutschland in Straßen-, Wohn- und Ackerflächen aufzuteilen, wird dieser Trend nicht zu stoppen sein. Die Nutzung von Pestiziden um Äcker schneller abernten oder für die Neuansaat frei zu bekommen, ist eine Perversion und keine „gute fachliche Praxis“ wie sie die Bauernverbände immer wieder betonen.“

Frau Petra Friedrich:

„Was Gentechnik betrifft, so gibt es noch zu wenig Forschungsergebnisse bezüglich des Einflusses auf die Bienengesundheit adulter Bienen. Deshalb fordert unser Verband diese von der Politik. Falsches Bienen-Management kann sicherlich ebenso zu Völkerverlusten beitragen. Die bienenwissenschaftlichen Institute haben in den letzten Jahrzehnten Behandlungskonzepte zur Varroabekämpfung für die unterschiedlichen Regionen Deutschlands entwickelt und damit eine gute Grundlage für die Imkerschaft geschaffen. Da eine Behandlung aber nicht nur vom Konzept, sondern auch stark von Wettereinflüssen u. a. abhängig ist, kann selbst der geschulteste Imker Verluste erleiden. Grundsätzlich ist für Deutschland noch zu sagen, dass die meisten Imker, die hohe Winterverluste erlitten haben, diese bis zum Sommer durch Ablegerbildung wieder ausgleichen können.

Ist das Bienensterben ein internationales Phänomen?

Die FAO trägt jährlich offizielle Schätzungen zur Zahl der kommerziellen Bienenstöcke in vielen Ländern seit Beginn der 1960er Jahre zusammen. Diese Zahl ist im Laufe der letzten 50 Jahre in vielen Ländern gestiegen oder gefallen. In den USA sank sie zwischen 1961 und 2014 von 5,5 auf 2,6 Millionen. In Indien stieg sie im selben Zeitraum von 5 auf 11,6 Millionen, in China von 3,2 auf 8,9 Mio (Hier kann also kaum von einem Bienensterben gesprochen werden). In Deutschland sank die Zahl der Bienenstöcke jedoch von 2 auf 0,7 Mio., in der Türkei stieg sie von 1,5 auf 6,6 Mio. Wäre es aufgrund dieser Fakten überhaupt noch richtig, von einem weltweiten Bienensterben zu sprechen? Ist es vielleicht eher ein regionales Bienensterben? Insgesamt ist die Zahl der kommerziellen Bienenstöcke nach FAO-Angaben zwischen 1961 und 2007 um ca. 45 % angestiegen.

Herr Dr. Otto Boecking:

„„Das Bienensterben“ gibt es nicht. Das zeigen auch die Zahlen der FAO. In Deutschland nimmt in den letzten Jahren die Anzahl der Imker und Imkerinnen deutlich und die der Bienenvölker zu, statt ab (siehe http://www.deutscherimkerbund.de/161-Imkerei_in_Deutschland_Zahlen_Daten_Fakten ) Hier bedarf es zudem einer klaren Differenzierung:

a.) Es gibt Herbst-/Winterverluste, die allein die Honigbiene treffen und v.a. durch Krankheiten (Varroa + Viren) und unzulängliches Management durch den Imker entstehen. Diese können nicht nur regional, sondern überall auftreten. Man kann sie aber durch ein richtiges Völkermanagement auf ein Minimum reduzieren. Dazu haben wir hier im LAVES Celler Bieneninstitut zusammen mit den Universitäten Bochum und Hohenheim eine neue modulare imkerliche Betriebsweise entwickelt, die eher für eine Völkervermehrung als für die Gefahr des Verlustes von Bienenvölkern ausgelegt ist und einfach zu handhaben ist.

b.) Sommerverluste bzw. Schädigungen durch fehlerhaften Pflanzenschutzmitteleinsatz vor allem in der Landwirtschaft. Das trifft die Honig- und die Wildbienen gleichsam. Statistisch erfasst werden dabei aber nur die Schädigungen an Honigbienenvölkern. Diese treten nur lokal oder allenfalls regional selten auf.

c.) Das Arten-Sterben. Das trifft bei uns allein auf die Wildbienen zu und kommt überall vor und ist im Fall des Verlustes einer Art ein nicht rückgängig machbares Ereignis (siehe rote Liste der Wildbienen Deutschlands). Darüber müsste sich die Gesellschaft ernsthaft Sorgen machen. Das Thema wird aber in den Medien allenfalls am Rande erwähnt.“

Frau Dr. Melanie von Orlow:

„Der Begriff „Bienensterben“ wird leider in der öffentlichen Wahrnehmung nur auf die Honigbiene begrenzt. Dabei ist die Honigbiene von allen Bienen noch die robusteste und erhält durch imkerliche Betreuung eine in der Natur einmalige Protektion – im gleichen Zeitraum sanken die Bestände an Wildbienen und Hummeln dramatisch; wir erleben tatsächlich ein breitbandiges Insektensterben in Bezug auf die Artenvielfalt.“

Herr Dipl.-Ing. agr. Michael Weiler:

„Die Lebenssituation in der „modernen“ Welt scheint vielfach kritischer zu sein als in anderen Regionen – was die Statistiken anbetrifft ist folgendes anzumerken:
Die Führung von detaillierteren Statistiken hat in der „modernen“ Welt eine lange Tradition und ist deshalb eher als aussagekräftig zu vermerken als die in den weiter genannten Regionen der Welt – hier ist eine detaillierte Statistik aus vielen Gründen eine Erscheinung der absoluten Neuzeit – insofern halte ich die Daten erst der letzten fünf bis zehn Jahre für einigermaßen aussagekräftig – aber nicht der Vergleich mit Zeiten, die länger als 20 Jahre her sind.“

Frau Petra Friedrich:

„Die Zahlen kann ich nicht beurteilen. Für Deutschland sind sie korrekt. 1951 gab es 2,1 Mio Völker, 2015 772.000. Ob es ein weltweites Bienensterben gibt, können wir ebenso nicht beurteilen. In Deutschland gibt es dieses nicht. Der drastische Rückgang von Bienenvölkern in Deutschland hängt zum einen mit dem jahrzehntelangen Rückgang der Imker zusammen. Dies war auch besonders drastisch in der ehemaligen DDR nach der Wende. Zum anderen halten die Imker heute weniger Bienenvölker.

Richtig ist aber, dass sich die Lebensbedingungen für Bienen stark verschlechtert haben. Neben der Varroamilbe gibt es weitere Erkrankungen, die heute verstärkt bei varroabefallenen Völkern zu deren Zusammenbruch führen. Des Weiteren spielen die verschlechterten Nahrungsbedingungen – besonders in ländlichen Gebieten – sowie der Einfluss von Pflanzenschutzmitteln eine wichtige Rolle.

Man kann also sagen, dass es multikausale Zusammenhänge sind, die die Bienengesundheit beeinträchtigen. Dies wurde auch im Debimo untersucht und bestätigt.

Das weltweite Bienensterben wird gerne von den Medien als Schlagzeile eingesetzt. Dies hat in Deutschland zur Sensibilisierung der Bevölkerung für dieses wichtige Thema beigetragen und dazu geführt, dass Imkerei heute voll im Trend liegt und wir seit 2008 stark steigende Mitgliederzahlen verzeichnen.“

Wie wichtig sind Bienen überhaupt für die Bestäubung?

Die Journalistin Hannah Nordhaus verwies darauf, dass Menschen in der Geschichte in vielen Gebieten ohne Honigbienen lebten (z.B. in Nordamerika vor der Ankunft der Engländer im Jahr 1620), und dass ein großer Teil der landwirtschaftlichen Produktion keine Bestäubung durch Bienen erfordert. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Herr Dr. Otto Boecking:

„Neben der Honigbiene gibt es auch bei uns in Deutschland noch eine Vielzahl anderer wichtiger Bestäuber. Das sind vor allem die Wildbienen, zu denen auch die Hummeln gehören. Honigbienen und Wildbienen sind essentiell notwendig für einen Teil unserer Kultur- und Wildpflanzen, sofern diese von deren Bestäubungsleistung abhängig sind. Andere Kulturpflanzen, wie beispielsweise Getreide und Kartoffeln gedeihen auch ohne die Bienen. Andererseits profitiert die Landwirtschaft schon aufgrund ihrer immer größer werdenden Felder von der enormen Bestäubungsleistung der Honigbienen, die vom Imker sogar gezielt an die Schläge der Landwirte gestellt werden. Da reichen die Wildbienen nicht aus, weil ihnen in der intensiven Agrarlandschaft auch geeignete Lebensräume fehlen, die sie neben der Nahrung benötigen.

Frau Dr. Melanie von Orlow:

„Tatsächlich ist die Honigbiene nicht so unersetzlich – tatsächlich ist sie nur ein Teil einer großen Bestäubungsfauna. Da aber diese insgesamt auf dem Rückzug ist kann man froh sein, dass es noch Imker gibt die dann wenigstens einen Bestäuber „liefern“ können. Tatsächlich braucht es für die Windbestäuber wie Getreide und Mais keinen Bienenbeflug…doch zum Glück besteht die Lebensmittelpalette wie auch das Anbauportfolio der Bauern aus mehr: Obst und Gemüse wie auch andere Feldfrüchte (z.B. auch Raps) liefern mit Bienenbeflug nicht nur mehr, sondern interessanterweise auch gesündere Produkte in besserer Qualität. Auf der Website des DIB finden Sie Informationen dazu.“

Herr Dipl.-Ing. agr. Michael Weiler:

„Die Entwicklung von Kultur in den genannten Regionen, in denen keine Honigbienen westlicher Prägung existierten hat sehr oft einen ganz anderen Verlauf genommen, als in der „Alten Welt“ und in Asien, wo es auch überall Honigbienen gab. Insbesondere die Bodenkultur ist völlig anders verlaufen – Kulturböden, wie wir sie heute klassifizieren, gab es insbesondere in Nordamerika, Australien oder Neuseeland in dieser Form nicht und auch die Entwicklung von „Kulturpflanzen“ hat eine andere Genese. In der Kulturbodentradition ist der Zusammenhang von Kulturböden und Kulturpflanze hochevident und stark aufeinander bezogen, da „Kulturpflanzen“ in der gewünschten Form nur auf „Kulturböden“ wachsen und gedeihen können. Diese Zusammenhänge sind wenig durchdacht bislang. Nach meiner Auffassung sind die Honigbienen daran immer beteiligt gewesen. Und gerade die Pflanzen, die uns neben unserer Grundernährung wohltun, sind stark mit der Tätigkeit der Honigbienen korreliert.“

Frau Petra Friedrich:

„Richtig ist, dass die Bestäubungsleistung nicht alleine durch die Honigbiene erbracht wird, sondern ebenso von Wildbienen, Käfern oder Schmetterlingen. Der Vorteil der Honigbienen liegt zum einen darin, dass sie Generalisten sind, also viele verschiedene Pflanzenarten anfliegen. Zum anderen stehen nur Sie durch das Überwintern im Staat im Frühjahr in so großer Anzahl zur Verfügung. Seit mehreren Jahrzehnten beschäftigen sich Wissenschaftler weltweit intensiv mit der Bestäubungsleistung der Honigbiene. Sie konnten bei vielen Kulturarten eine erhebliche Ertragssteigerung durch Honigbienen nachweisen. Steigert die Bestäubungsleistung den Ertrag um 20 – 30 %, vervier- oder verfünffacht dies oft den Gesamtgewinn. Dies gilt besonders für kostenintensive Produktionszweige wie den Obst- und Gemüseanbau. Durch die heutigen ackerbaulichen Strukturen (großflächiger Mais- und Getreideanbau) kann es aber durchaus richtig sein, dass an solchen Standorten die Biene für die Landwirtschaft keine Rolle mehr spielt. Das bedeutet aber auch im Umkehrschluss, dass in solchen Gebieten katastrophale Nahrungsbedingungen für die Insekten herrschen.

Welche Folgen hat das Bienensterben für die Menschen?

Wie sieht die aktuelle Situation 2016 aus? Kann man seriös behaupten, dass durch das Bienensterben eine existentielle Bedrohung für die Menschheit entstehen könnte?

Herr Dr. Otto Boecking:

„Das Jahr 2016 ist offenkundig mit geringeren Winterverlusten bei den Honigbienen gestartet als andere Jahre. Der Wonnemonat Mai begann mit intensivem Nektareintrag, was auf eine reiche Honigernte hoffen lies. Das derzeit kalte und regnerische Wetter vermiest das etwas. Das ist die Sicht eines Imkers. Weder dieses Jahr noch kommende Jahre können bei seriöser Betrachtung zu einer existentiellen Bedrohung für die Menschheit werden, selbst wenn es rein theoretisch keine Honigbienen mehr geben würde, was nicht zu erwarten ist. Vieles, was wir für unsere Ernährung benötigen gedeiht auch ohne die Bienen. Zudem gibt es viele andere Bestäuber, wie nur beispielsweise die Schwebfliegen, die auch zur Bestäubung beitragen. Es wäre aber eine traurige Vision, wenn es das Summen der Honigbienen und den leckeren Honig nicht mehr gäbe. “

Frau Dr. Melanie von Orlow:

„2016 sieht es relativ gut aus; viele Völker sind gut durch den Winter gekommen. Doch regional sieht das anders aus; aus dem Süden werden schlechtere Überwinterungsraten gemeldet und aus den USA kommen immer wieder Klagen über schlecht begattete Königinnen. Aber für die Wildbienen sieht jedes Jahr schlecht aus…und immer schlechter…“

Herr Dipl.-Ing. agr. Michael Weiler:

„Der Knackpunkt ist eigentlich, dass wir gar keine Erfahrung mit einer Bienenleeren Landschaft haben und was dort wäre, weil das nach der Eiszeit nicht vorgekommen ist – welche lebensspendenden Impulse Honigbienen und Verwandte im Naturzusammenhang noch setzen, ist bislang einfach nicht erkannt oder erforscht.“

Frau Petra Friedrich:

„Die menschliche Ernährung wäre auch ohne Bienenbestäubung gesichert, jedoch würde der Großteil der vitaminreichen Kost fehlen. In Deutschland haben wir derzeit eine gute Situation, denn nur knapp 9 % der Bienenvölker sind nicht durch den Winter 2015/2016 gekommen (normale Sterberate liegt bei 10 %). Wie dies international aussieht, weiß ich nicht.“

Weitere gefährliche Parasiten für die Honigbiene

In Deutschland relativ neue mögliche Ursachen für das Bienensterben sind offenbar der Darmparasit Nosema ceranae, indirekt die Kirschessigfliege, der kleine Beutenkäfer sowie die Asiatische Hornisse. Wie bewerten Sie diese möglichen neuen Ursachen?

Herr Dr. Otto Boecking:

„Unter Laborbedingungen hat man schädigende Wirkungen des Darmparasiten Nosema ceranae an Einzelbienen zeigen können, nicht jedoch in der imkerlichen Praxis. Hier liegen langjährige Monitoringdaten vor, die zeigen, dass der Erreger fast überall in den Bienenvölkern vorkommt, aber nicht als Ursache für das Sterben von Bienenvölkern verantwortlich gemacht werden kann, zumindest hier in Deutschland. Man sollte nicht unterschätzen, dass das Bienenvolk über ein enormes Kompensationspotential verfügt. Wenn beispielsweise ein Bienenvolk einen Teil seiner Flugbienen (ältere Bienen) verliert, dann rücken schnell junge Bienen nach und übernehmen deren Aufgaben Der Kleine Beutenkäfer, der noch nicht in Deutschland nachgewiesen ist, ist ein Schädling, so wie die Wachsmotte für die Honigbienen auch. Bei richtigem Völkermanagement, sollten die Probleme sich begrenzen lassen. Die Kirschessigfliege selber stellt kein Problem für die Bienen dar, allenfalls deren chemische Bekämpfung, für die man Insektizide einsetzen muss, die auch gefährlich für die Bienen sein können. Unter unseren hiesigen klimatischen Bedingungen haben die Asiatische Hornisse (Vespa velutina) kaum die Chance große Völker im Jahr aufzubauen, wie man das aus Asien kennt. Und damit wäre der Verlust von einzelnen Flugbienen, die von den Hornissen erjagt werden, für unsere Bienenvölker unwesentlich.“

Frau Dr. Melanie von Orlow:

„Nosema c. ist weniger ein Problem da diese Form der Nosema offenbar Kälte schlechter toleriert – im Laufe des Klimawandels kann sich das also noch ändern. Die Kirschessigfliege ist ein grosses Problem da immer wieder Ausnahmegenehmigungen für bienengiftige Pestizide erteilt werden. Die Asiatische Hornisse ist noch kein Problem und wird es m.E. auch lange Zeit nicht werden – dazu ist unser Klima noch nicht tropisch genug. Dahingegen wird der Kleine Beutenkäfer Feste feiern wenn ihn die ersten Imker erfolgreich mit Bienenimporten hierher gebracht haben werden. Das ist nur eine Frage der Zeit und dann kann es sein, dass der Boom in der Stadtimkerei ein Ende findet. Dann wird sich zeigen, wie viele der neuen wie alten Imker und Imkerinnen sich dieser neuen Herausforderung stellen werden. Allerdings wird all das nichts daran ändern, dass das Bienensterben unverändert stark weitergeht denn kein Imker in der Stadt kann die Solitärbienen- und Hummelvielfalt auf dem Land ersetzen.“

Herr Dipl.-Ing. agr. Michael Weiler:

„Aktuell sind die genannten Ursachen in Deutschland noch nicht brisant – Nosema ist ein Seitenfaktor, der allerdings durch andere Ursachen geschwächte Völker dann ausmerzen kann.“

Frau Petra Friedrich:

„Durch die Globalisierung wird es immer schwieriger, Gefahren der Einschleppung neuer Krankheiten und Parasiten zu vermeiden. Die Entwicklung der Kirschessigfliege in Deutschland wird intensiv beobachtet, denn hier könnten sich zwei Probleme für die Honigbiene ergeben, zum einen eine Gefährdung der Bienengesundheit durch Einsatz von chemischem Pflanzenschutz, zum anderen der Wegfall von wichtigen Nahrungsquellen für Bienen wie das Begleitgrün in Plantagen. Der Kleine Beutenkäfer ist bisher in Deutschland nicht aufgetreten. Wir lehnen seit Jahren jegliche Bienenimporte ab, um eine Einschleppung zu vermeiden und haben alle Vereine mit Informationsbroschüren ausgestattet. Die Asiatische Hornisse wurde im September 2014 erstmals in Deutschland entdeckt. Nach derzeitigem Wissensstand sind starke und gesunde Völker nicht gefährdet.“

Könnte man die Bienen ersetzen?

Könnte man die Honigbiene als (Bestäubungs-Instrument) in der Agrarwirtschaft nach Ihrer Meinung durch technische Verfahren ersetzen?

Herr Dr. Otto Boecking:

„Nein, das kann man nicht. Wir haben vor vielen Jahren einen Versuch durchgeführt, bei dem man Blüten-Pollen mit einer Spritze in die Apfelbäume verteilt hat. Das Ergebnis war erschreckend, aber auch zu erwarten, denn mit einer Spritzung deckt man nur ein kurzes Zeitfenster für etwaige Bestäubungen ab. Da sind Bienen viel effizienter und flexibler. Sobald die Flugbedingungen stimmen, fliegen sie, auch zwischen Regenschauern und das deckt sich dann auch mit der empfänglichen Phase der offenen Blüten. Das schafft man technisch nicht. Bei unseren Spritz-Versuchen konnten mit dieser Technik keine Äpfel produziert werden.“

Frau Dr. Melanie von Orlow:

„Die Bestäubervielfalt läßt sich nicht ersetzen. Selbst wenn man die Bestäubung damit sicher stellen würde, so leidet die von ihnen abhängige Fauna (insbesondere insektenfressende Vögel) ebenfalls unter dem Schwund. So eine Forschung ist also nicht zielführend.

Frau Petra Friedrich:

„Dies ist sicherlich möglich. In einigen Teilen Chinas wird heute bereits durch Leiharbeiter die Bestäubung durchgeführt, da es durch die Umweltverschmutzung und den Umgang mit der Natur in den Gebieten keine Bienen mehr gibt.“

Die Zukunft der Bienen / Landwirtschaft mit Zukunft

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Gründe für ein Bienensterben offenkundig vielfältig sind. In der Politik gibt es viele Ansätze um die Bienen zu schützen, eine Einigkeit herrscht jedoch nicht. Ganz allgemein versucht man zukünftig jedoch die Bestäubungsinsekten vor den Giften der industriellen Landwirtschaft besser zu schützen, dies scheint ein sinnvoller Anfang zu sein. Einen Beitrag kann auch der Verbraucher leisten indem er gezielt Produkte aus ökologischer Landwirtschaft kauft.

Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie weiter unten auf dieser Seite einen Kommentar!





Quellen:

1 http://www.weltagrarbericht.de/aktuelles/nachrichten/news/de/30856.html
2 http://www.bee-careful.com/ch/bienenleben/ueber-die-honigbienen/
3 https://www.greenpeace.de/themen/landwirtschaft/bienen